Geboren 1966 in (République d'Indonésie)

Biographie

Die Videastin und Fotografin Fiona Tan ist 1966 in Pekan Baru in Indonesien geboren; ihr Vater ist chinesischer und ihre Mutter schottisch-australischer Herkunft. Ihre Familie musste vor dem diktatorischen Regime des General Suharto fliehen, und so wuchs Fiona Tan in Australien auf. Im Alter von 22 Jahren wandert sie nach Europa aus, studiert in Deutschland (an der Fachhochschule in Hamburg) und Holland, in Amsterdam (an der Gerrit Rietveld Academie von 1988 bis 1992 und an der Rijksakademie van beeldende kunst), wo sie auch heute noch lebt und arbeitet.

 

In ihrer Arbeit verwendet Fiona Tan sehr früh Archivbilder, wie in May you live in interesting times (1997), Smoke Screen (1997), Facing Forward (1997), Cradle (1998) und Tuareg (2002). In jedem ihrer Werke benutzt sie Bilder aus Dokumentarfilmen, die in der Kolonialzeit entstanden sind (am häufigsten von den Holländern in den 30er Jahren gedreht). Sie stellt darin die Frage nach der Beziehung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, ebenso nach der Art des Blickwechsels zwischen den beobachteten Protagonisten und der Kamera (das heisst im allgemeinen dem weißen, westlichen Ethnographen). Diese Arbeit ist natürlich mit der persönlichen Geschichte von Fiona Tan verbunden, denn die Entwurzelung und die oft schmerzhaften Fragen nach ihrer Herkunft und den unterschiedlichen Kulturen bilden einen festen Bestandteil ihres Lebens. Sie beschäftigt sich, selbst in einer holländischen Kolonie geboren und seit Jahren in Holland lebend, mit der kolonialistischen Vergangenheit ihres Wahllandes und mit der Geschichte ihrer Familie (väterlicherseits), Symbol der chinesischen Diaspora. Die Verwendung von filmischem Archivmaterial stellt für Fiona Tan sowohl die Möglichkeit dar, über die Dialektik von Objektivität/Subjektivität der Fotografen-Kolonisten nachzudenken als auch die, neue Bilder zu schaffen, indem sie sie in einen neuen Kontext stellt. Dies erklärt sie in ihrer Arbeit Scenario: „Man beschreibt gewöhnlich die Technik, die darin besteht, Archivbilder zu verwenden mit 'destruktiven' Begriffen: zerlegen, zerschneiden. Man muss erst etwas zerstören bevor etwas Neues seinen Platz einnehmen kann. Die Wiederverwertung von Film- oder Fotofragmenten haucht Bildern ein neues Leben ein; sie werden von der erdrückenden Last ihres ursprünglichen Kontextes befreit. Die Wiederverwertung ermöglicht es, diese Bilder auf eine vollkommen neue Art zu sehen. Sie schafft neue Bilder.“1

 

Fiona Tan hat ausserdem viel mit 'fotografischen Momenten', wie sie es nennt, gearbeitet, mit Filmfragmenten, nach denen sie in Archiven sucht und die sie nach ihrer 'fotografischen Unmittelbarkeit' auswählt: Momente, in denen sie die gefilmten Personen die Kamera fixieren und ein paar Sekunden posieren lässt, wie für eine Fotografie, wobei sie sich historisch dem Beginn des Kinos zuordnet. In einem Text über Facing Forward (1999), schreibt sie zu diesem Thema: „Die Aufnahmen von Facing Forward  stammen ausschließlich aus archivierten Stummfilmen, die in exotischen Ländern gedreht wurden, und die für ein westliches Publikum bestimmt und in der Kolonialdokumentation untergebracht sind. Ich habe einen besonderen Szenentypus aus einer Unzahl von Archivfilmen ausgewählt. Ich nenne diese Szenen 'fotografische Momente'. Es handelt sich ganz einfach um diese unzähligen Momente, in denen die Menschen - wie für eine Fotografie - vor der Kamera posieren. Ich finde diese Momente sehr ergreifend und berührend: eine gefilmte Fotografie zieht die Zeit in die Länge und während dieser häufig unangenehmen Momente passieren viele Dinge: der Zuschauer kann die Verlegenheit, das Erstaunen, die Wut oder die Neugier und die Schüchternheit sehen, die aus der Konfrontation mit der Kamera entstehen. Der Zuschauer hat ebenfalls Zeit, über all diese anonymen Personen vor der Kamera nachzudenken. Dies zeigt außerdem den Übergang zwischen den beiden Medien, der Fotografie und dem Film, auf. Es handelt sich um ganz besonders aufschlussreiche Momente. Momente der Begegnung, nicht nur einer Begegnung von Menschen, sondern auch von Kulturen, Ideen und Epochen. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich diese Momentaufnahmen heute wieder anzusehen.“2

 

Das Interesse Fiona Tans für die Ethnologie und die Verschiedenheit der Kulturen der Welt zeigt sich ebenfalls in der Videoinstallation Saint Sebastian, die sie 2001 realisiert hat. Es handelt sich um eine Arbeit über eine Zeremonie von Initiationsriten  junger Mädchen in Japan. Diese beweisen ihre Geschicklichkeit als Bogenschützen, wobei sie mit ihren schönsten Kimonos bekleidet sind. Die Kamera von Fiona Tan zeigt uns niemals die Zielscheibe, sondern nur den gespannten Ausdruck der Gesichter, die Konzentration und die Erleichterung oder Enttäuschung der jungen Mädchen während des Bogenschießens.

 

Eine ihrer letzten Arbeiten, die zwischen 2001 und 2002 während eines Aufenthalts in Berlin entstanden ist, wurde auf der Documenta 11 in Kassel gezeigt. Es handelt sich um Countenance, eine Arbeit, die auf dem großen 'ethnologischen und fotografischen' Projekt von August Sanders, Menschen des 20. Jahrhunderts, beruht. Dieser Fotograf hatte Anfang des 20. Jahrhunderts damit begonnen, Porträts von Hunderten von Menschen verschiedener Berufe zu machen, sie nach soziologischen Gruppen einzuordnen und somit ein großes typologisches Abbild der Gesellschaft seiner Zeit zu verwirklichen. Fiona Tan porträtierte 220 Ostberliner, ließ sie einige Sekunden vor der Kamera posieren und schuf somit 'fotografische Momente' neu, so wie sie in den Archiven zu finden sind.

Nach einem ähnlichen Prinzip präsentierte sie 2004-2005 im Museum of Contemporary Art von Chicago ein in amerikanischen Gefängnissen realisiertes Werk, Correction, das Porträts von Hunderten von Gefangenen und Gefängniswärtern zeigt.

 

Durch ihre Arbeit der Montage und der Vorrichtungen, die sie im Ausstellungsraum präsentiert, schafft Fiona Tan mit ihren Videoinstallationen einen Zeitzyklus, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart in ein- und derselben Bewegung konfrontieren und treffen. Fiona Tan führt ihre Forschungsarbeit über die Identität weiter, sei es unter Verwendung von Archivbildern oder ihrer eigenen Sequenzen, und bezieht den Zuschauer in ihre Fragestellungen mit ein: „Was sehe ich gerade?“, „Wer bin ich, um ihn so zu sehen?“ und schließlich „Wie würde er mich sehen?“.

 

Die Arbeit von Fiona Tan wurde vor allem in Holland (Fondation De Pont in Tillburg, 1999 und 2003), Italien (Biennale von Venedig, 2001), Deutschland (Kunstverein Hamburg, 2000, Biennale von Berlin, 2001, Documenta 11, 2002), Japan (Triennale von Yokohama, 2001), Frankreich  (Biennale von Lyon, 2000, Villa Arson, 2003) und in den Vereinigten Staaten (Museum of Contemporary Art, Chicago, 2004) gezeigt.

 

 

Emilie Benoit

 

 


 

1 „Usually the technique of found footage is described in destructive terms: demontage, cut-up. First something must be destroyed before something new can take its place. The recycling of film fragments or photos breathes new life into the images; they are liberated from the harness of their original context. Recycling makes it possible to see images in a new way. Recycling creates new images.

2 „The images in Facing Forward stem entirely from early silent archival film footage categorized as colonial documentary footage shot in foreign and exotic countries for a Western audience. I have selected one particular sort of scene from a myriad of films. I call these scenes photographic moments. Quite simply, they consist of the countless times that - as if for a photograph - people pose in front of the film camera. I find these moments poignant and endearing: a filmed photograph stretches time and in those often uncomfortable moments a lot happens: The viewer can see the embarrassment, the bewilderment and anger, or the curiosity and shyness due to the confrontation with the camera. A viewer also has time to reflect upon all these anonymous people arranged before him. It also highlights the transition between two media: photography and film. They are particularly revealing moments. Moments of meeting, not just a meeting of individuals but of cultures, ideas and times. Moments, which I think are important to review now.“ Fiona Tan, in "hers" Video as a female terrain, Stella Rollig (ed), Springer, Wien - New York, 2000.