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Marcel Odenbachs (1953 in Köln geboren) signifikante Technik in seinen Videobändern- und Installationen sowie Performances ist die Collage, die Kombination verschiedener Medien zu einem, das eigene Konsumverhalten sowie bildbungsbürgerliche Vorstellungen mit feiner Ironie demaskierenden, oft antithetisch präsentierten Gesamtbild. Die Verknüpfung von historisch-politischen Zeitdokumenten, Ausschnitten aus Kulturfilmen und Wochenschauen, Alltagszenen zu einer vielschichtigen, durch Brüche und Schnitte, mit schwarzen Flächen als Bildteiler und Fokus fragmentartig wirkenden Bildklitterung wird durch die Tonunterlegung mit abendländischer, klassischer Musik, afrikanischen Rhythmen oder eigenen Tönen strukturiert. Ton und oftmals integrierte Schrift bleiben zwar ein Stück weit autonom vom Bild, erklären es nicht, jedoch stellen sie einen Kommentar dar, erweitern den narrativen Charakter der sich häufig mit einer politischen Realität auseinandersetzenden Bildwelt.
In seinen frühen als Serien konzipierten, Zeichnungen der 70er Jahre dient der Text neben dem Bild als zweite Ebene, die den Denkvorgang des Künstlers dem Betrachter bewußt geistig nachspielen läßt. Beispielsweise in der Zeichnung, die eine Bleistiftspur, welche das Blatt oberhalb der Mittelachse durchstoßen hat, zeigt und kommentiert: "der Einschlag eines Gedankens von mir in dieses Stück Papier 10.75" Indem sich der Künstler für den Betrachter bewußt in einer Handlungs- und darüber reflektierenden Denkebene reproduziert und nach Andreas Vowinckel den Rezipienten durch diese "Rationalisierung des Irrationalen" verwirrt,
schafft er nicht nur die Grundlage für eine Distanz zu sich selbst sondern provoziert auch eine kritische Reflexion des Beobachters, die in Marcel Odenbachs späteren Videobändern und -installationen zu einer Grundforderung wird.
Ein Spiel mit der Sprache durch den Einsatz von bekannten Sprichwortzeilen oder allgemein bekannten Sätzen zeigt sich in Odenbachs Titelwahl für seine Performances und Videoarbeiten, in die er auch Gedichte von Ingeborg Bachmann, Zitate von Baudrillard und Botho Strauß integriert.
Das Einsetzen und damit die Hinterfragung von bekannten Bildzeichen, die den schönen Schein der Bilder ausmachen, sind dem Absolventen des Studiums der Architektur, Kunstgeschichte und Semiotik an der TH Aachen in Gegenüberstellung mit der historischen und politischen Realität deutscher Geschichte ein großes Anliegen.
Die frühe Performance "Ich hatte es immer viel zu gut in meiner Kindheit, aber trotzdem empfinde ich meine Erziehung als folgenschwerste Strafe meines Lebens" in der Galerie Philomene Magers 1976/77 nennt einen Schlüssel zu Marcel Odenbachs persönlicher künstlerischer Auseinandersetzung mit Moralvorstellungen einer bürgerlichen Gesellschaft und seiner eigenen unpolitischen Erziehung.
Mit seiner aus dem Verkauf von 50 Zeichnungen erstandenen Videoausrüstung befaßt sich Odenbach ab 1976 intensiv mit dieser neuen Technik. Als Ergebnis seines Stipendiums in Paris entstand die schwarzweiß Videoarbeit "Abwarten und Tee trinken", welche - wie der Titel schon andeutet - aus Alltagstätigkeiten und Café-Aufenthalten sowie mit den schönen Klischeebildern von Paris spielt.
Zusammen mit Klaus vom Bruch und Ulrike Rosenbach gründete Marcel Odenbach in dieser zeit "ATV - Altenativ Television", Video als neue Lösung und Konkurrenz zum Fernsehen.
Ende der 70er Jahre entstehen mehrere Performances, die entweder mit Video oder Dia-Installationen kombiniert werden. "Ich glaube, ich bin mir selbst verloren gegangen, denn Ihre Klischees hätten mich beinahe vernichtet." (1976) setzt sich auch wieder mit Stereotypen auseinander, diesmal nicht von bestimmten Weltbildern oder Lebenseinstellungen, sondern vorgefaßte Vorstellungen des Künstlers. Parallel zu einer Odenbach-Ausstellung konfrontiert er sich in persona mit dem Publikum hinter einer Scheibe sitzend mit einer schwarzen Gesichtsmaske, er sieht sich dabei selbst als "anonymes Etwas", entfremdet vom eigenen Selbst, da die Vorstellungen und Meinungen über seine Person aufgrund der Sammlung in einer Ausstellung zu übermächtig geworden sind.
Odenbach inszeniert Gegenüberstellungen oder Gegensatzpaare, wie in der Darstellung der landestypischen Massenmedien der drei Länder Belgien, Deutschland und Niederlande in der Video-Installation "Die Grenze" (1978) oder Bilder von vergangenem und heutigem politischen Bewußtsein unserer Kultur in "700 Intellektuelle beten einen Öltank an". Hier lösen sich die Bildästhetik einer gestellten, heilen Welt, Aufnahmen von der Zauberflöte oder dem damals aktuellen RAF-Film aus dem Fernsehen ab. Eine Analogie schafft Odenbach auch in seiner Video-Performance "Einfach so wie jeden Tag oder sich selbst bei Laune Halten" (1978), mit eine Konfrontation zwischen Pressefotos der Terroristen-Anschläge mit zwei gewaltätig werdenden Spielergruppen.
Marcel Odenbachs arbeitet in seinen Installationen 80er Jahre mit der Bewegung oder Position des Betrachters im Raum. Die Videomonitore sind dergestalt angeordnet, daß der Rezipient sich bewegen oder sich für von dem Künstler eigens gestaltete Sitzmöbel entscheiden muß und immer von Signalen des ein oder anderen Bandes angelockt wird. Diesem wird in der documenta 8- Arbeit "Dans la vision péripherique du temoin" von 1986, die vom Centre Georges Pompidou in Paris unter der Leitung von Christine van Assche produziert wurde, signethaft zum Ausdruck gebracht. Mit Hilfe von Podesten wurden in "Der Elefant im Porzellanladen" aus dem gleichen Jahr kostbare Porzellangegenstände einer Wohlstandsgesellschaft wohlgeordnet den scheinbar wahllos im Raum verteilten Monitoren mit Videobändern vom Aufmarsch deutscher Wehrmachtssoldaten einander gegenübergestellt. "Das Schweigen deutscher Räume erschreckt mich" formulierte Odenbach mit seiner Video-Installation von 1982.
In dieser Zeit entstanden ebenfalls Video-Arbeiten mit collageartigen Kombinationen von verschiedenen Realitäten dar, die den Bildausschnitt durch schwarze Rahmen oder dunkle Einfärbung hervorheben und meist klassische Musik mit afrikanischem Trommelsound verbinden, so in "Die Distanz zwischen mir und meinen Verlusten" (1983), auch die documenta-Arbeit sowie in "As if memories could deceive me" von 1993 mit Szenen von kunsthistorischen Denkmälern und Aufnahmen des Nürnberger Prozeßes aus der Hitlerzeit.
Parrallel dazu schuf er 1986/87 die Collagezeichnungen "Der Gärtner ist immer der Mörder I, II, III", "Der Täter wohnt links oben" und "Denk ich an Deutschland in der Nacht" mit Dispersion und Graphit auf Papier, in die Odenbach Abbildungen aus dem politischen Alltag einbaute.
In der Auseinandersetzung Marcel Odenbachs mit Themen deutscher Geschichte gilt für ihn die Maxime, daß diese immer etwas mit seiner persönlichen Vita zu tun haben. So nimmt er in den 90er Jahren direkt Bezug auf die uns aktuell betreffenden Themen der Ausgrenzung: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homosexualität. Anläßlich der "Mediale Hamburg" 1993 zeigte Odenbach mit der Installation in zwei verschiedenen Räumen "Keep in View - Black and White" immer wieder schmale Durchblicke zu der Welt der jeweils anderen. Auf die ausfländerfeindlichen Brandanschläge von Mölln, Hoyerswerda und Solingen reagiert der seit 1992 an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrende Professor mit einer Ausstellung im Badischen Kunstverein (1993) mit seinen Studenten zum Thema "Dauerbrand -Arbeiten zum Thema Rassismus und Gewalt in Deutschland".
Marcel Odenbach lebt und arbeitet in Köln
Lilian Haberer